Anno Domini 1578
„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ Diese berühmten Worte wurden 1521 auf dem Reichstag zu Worms von einem Mann gesprochen, der die Geschichte des abendländischen Christentums dauerhaft verändern sollte: Martin Luther.
Die von Luther angestoßene Bewegung, später als Protestantismus bekannt, hat sich in der Folge in weiten Teilen Europas ausgebreitet, so auch in Österreich. In dieser Ausgabe von Anno Domini wollen wir uns mit den Auswirkungen und Einflüssen des Protestantismus in Vösendorf beschäftigen und wie diese Zeit unseren Ort noch heute prägt.
Seit 1578 war das Schloss Vösendorf im Besitz der Familie Hofkirchen, eine bedeutende Protestantenfamilie Niederösterreichs. Wolfgang zu Hofkirchen, ein einflussreicher Politiker, enteignete das Vösendorfer Kirchengut und finanzierte damit lutherische Prediger und Schulmeister, ganz nach dem Motto cuius regio, eius religio – wessen das Land, dessen der Glaube. Das Schloss Vösendorf wurde zunehmend Zufluchtsort religiös Verfolgter aus der Residenzstadt Wien, wo sich die Katholiken behaupten konnten. Besonders während der Reformationszeit war Vösendorf ein bedeutendes Zentrum des Protestantismus. Man kann davon ausgehen, dass der landsässige Adel des Erzherzogtums Österreich unter der Enns in der Zeit um 1580 zu etwa 90% evangelisch war.
Vösendorf war bei den Protestanten auch als Hochzeits-, Tauf- und Begräbnisort sehr beliebt. Heute gibt es noch zwei interessante „protestantische“ Grabsteine aus dieser Zeit. Ein undatierter Stein an der inneren östlichen Kirchenwand erinnert an den Tod eines Adelskindes, der andere bezieht sich auf den 1583 verstorbenen Arzt Andreas Dadius.
Während der Gegenreformation spielte Vösendorf ebenfalls eine interessante Rolle. Die Habsburger, insbesondere Kaiser Ferdinand II., förderten den Bau und die Restaurierung von Kirchen und Klöstern, um den katholischen Glauben zu stärken. Nachdem die Region im 16. Jahrhundert stark protestantisch geprägt war, wurde sie im Zuge der Gegenreformation wieder katholisch. 1657 konnte der Atzgersdorfer Pfarrer, der auch Vösendorf mitverwaltete, als gegenreformatorischen Siegesruf vermelden: „In Vesendorf ist kein Lutheraner mehr!“ Nachdem Vösendorf während der Reformationszeit jedoch ein Zentrum des Protestantismus war, wurde es erst 1673 als katholische Pfarre wieder selbstständig.
