Anno Domini 1707
„Geschichte ist die Biographie der Menschheit“, sagte der deutsche Journalist, Literatur- und Theaterkritiker Carl Ludwig Börne über die Bedeutung der Geschichtsschreibung. Biographien sind für die moderne Forschung eine beliebte und hilfreiche Methode, mehr über die Menschen und den historischen Kontext vergangener Epochen zu lernen. Mit Blick auf Vösendorf ist die Zeit der Familie Starhemberg eine besonders interessante Epoche, das 18. Jahrhundert wird daher auch das starhembergische Jahrhundert genannt.
Im Februar 1707 vermählte sich Gräfin Maria Josepha mit dem Halbbruder ihres verstorbenen Gatten, Hofkammerpräsident Gundaker Thomas von Starhemberg. Unter der Herrschaft der Gräfin wurde das Schloss Vösendorf mit hochbarocken Stilelementen ausgestattet. Weiters wurde der umliegende Schlossgarten, der während der ersten Türkenbelagerung zerstört worden war, erweitert. Durch die großzügigen Investitionen der Starhembergs wurden im gesamten Ortsgebiet Höfe wiedererrichtet und teilweise an Zuwanderer verschenkt.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts errichtete man zudem zwei durch das Ortsgebiet Vösendorf verlaufende kaiserliche Kastanienbaumalleen. Seit 1716 die Laxenburger Allee, heutige Laxenburger Straße, sowie ab etwa 1740 die Schönbrunner Alle, heutiger Verlauf der Altmannsdorfer Straße und Schönbrunner Alle. Die neuen Alleen sollten die drei kaiserlichen Lustschlösser Favorita, Schönbrunn und Laxenburg miteinander verbinden. Ebenso sollte das beliebte Laxenburger Jagdrevier vom Wiener Hof aus bequem und rasch erreichbar sein.
Nach dem Tod von Gundaker und Maria Josepha wurde deren Tochter Maria Gabriela als Universalerbin eingesetzt. Sie heiratete 1727 Rudolf Josef Graf Colloredo, einen Adeligen mit familiären Wurzeln in Friaul, Norditalien, ab. Gemeinsam mit ihrem Mann besaß Maria Gabriela die Herrschaft und das Schloss Vösendorf 1746 bis zu ihrem Tod 1793. In diese Zeit vielen mehrere wirtschaftliche Rückschläge, besonders gegen Ende des 18. Jahrhunderts führten verstärkt auftretende Hochwassersituationen zu spürbaren landwirtschaftlichen Ertragseinbußen.
Nach dem Tod der Fürstin wurden die Besitzungen in Vösendorf an Kaiser Franz II. verkauft. Der Kaiser erwarb die Herrschaft im Hinblick auf die ergiebigen Lehm- und Sandvorkommen sowie den Vorteil eines von Inzersdorf über Vösendorf und Biedermannsdorf bis Laxenburg reichenden geschlossenen Jagdgebietes. Ab 1806 wurde das kaiserliche Familiengut Vösendorf unter der Leitung des Agrarpioniers Professor Peter Jordan zu einem viel beachteten landwirtschaftlichen Mustergut.